Mein Vater II

By geschmacksfrage

Heute kam mich mein Vater wieder besuchen. Als Er zur Tür hereinkam erschrak ich etwas… Was ich da sah erinnerte nur entfernt an den Mann, der mein Vater sein könnte. Er war sehr ungepflegt, hatte extrem riechende Kleidung an und machte einen jämmerlichen Eindruck. Er zog sich die Schuhe aus, kam auf mich zu und sagt: „… ich habe Chorea Huntington… ich merke es… es wird schlimmer…“

Ich kochte uns einen Tee und während wir uns aufs Sofa setzten fing Er an zu Erzählen…. „Ich habe die letzten 3 Tage kaum geschlafen weil ich Probleme habe… ich schaffe es nicht mich ruhig zu Verhalten.. sobald ich entspanne zucken meine Beine und wenn ich mich dann auf die Beine konzentriere um sie ruhig zu bekommen, dann schaffe ich das auch aber dann fangen die Hände an zu zappeln….“ Als ich das hörte musste ich mir erstmal einen Tee einschenken; Er brach ein selbstgewähltes Tabu… Weiter sagte Er:“ Ich bin innerlich so voller Unruhe. Tagsüber ist im Prinzip alles in Ordnung und es geht mir ganz gut aber Nachts verändert sich alles. Sobald ich im Bett liege fangen die Gedanken an mich in Angst zu versetzen, ich schaffe es nicht meine Beine unter Kontrolle zu halten!“…….. Wir tranken unseren Tee und einige Minuten lang sagte keiner etwas. Das musste auf mich erstmal wirken, das musste ich ganz gewaltig sacken lassen. Da sitzt mein Vater vor mir und sucht nach Hilfe . . . und ich kann Ihm nicht wirklich helfen. Zu einem Arzt will Er nicht gehen; irgendwann fing Er an (IMHO unbegründet) Angst vor Ärzten zu entwickeln; Er will das ich Ihm helfe. Gott habe ich mich hilflos gefühlt.

Nachdem wir unseren Tee getrunken hatten ging ich in die Küche und kochte schnell etwas zu Essen für Ihn. Ich gab Ihm ein Handtuch und sagte: „Geh erstmal Duschen Papa, essen steht gleich auf`n Tisch. Ich muss mit Finn kurz nochmal weg, Iss Du solange in aller Ruhe und mach es Dir bequem… ich bin in ner Stunde wieder da.“ Er freute sich über dies Angebot und meinte, ich soll mir ruhig Zeit lassen, im Fernsehn käme gleich eine Sendung die Er sehn wollte.

Hat Er meine Ausrede bemerkt? Egal, ich schnappte mir Finn und fuhr kurzerhand zu meinem Freund. Ich musste jetzt ganz schnell jemanden sehen, ich musste raus. mein Freund empfing mich mit einer Umarmung und einem leckeren Kaffee. Finn stürmte sogleich das Kinderzimmer seiner Tochter und ich konnte mich mit Ihm über Gott und die Welt unterhalten. Ich bin mir sicher Er hatte gemerkt was los ist, Er fragte aber nicht (Danke zappi). Ich brauchte einfach sofortige Abwechslung und mein Freund hat es gemerkt und mich aufgefangen. Etwa nach einer Stunde verabschiedete ich mich und fuhr, wieder mit Energie geladen, mit Finn wieder nach Hause… nach Hause zu meinem Vater. Wir haben uns stundenlang unterhalten (so wie eigentlich noch nie zuvor) und ich konnte Ihn überzeugen jetzt endlich professionelle Hilfe zu Suchen. — Hoffe ich — Ich suche Ihm nun den entsprechenden Psychologen und gehe zum ersten Gespräch mit Ihm mit, da las ich Ihn nicht allein,… nicht da!

In diesen paar Stunden hatte sich mein Vater wieder so gut gefangen, das Er sich die Haare schneiden lies, duschte, sich rasierte.. wieder zu dem wurde, was ich mit meinem Vater verbinde.

Jetzt, es ist etwa eine Stunde her das Er gefahren ist, realisiere ich erst WAS Er mir gesagt hat.

Er wird sterben….

3 Antworten zu „Mein Vater II“

  1. phoeby sagt:

    Ich wünschte, ich könnte Dir nen Rat geben, irgendwas kluges sagen oder so!
    Fakt ist, mir fällt nichts ein, ich wüsste nicht wie ich darauf reagieren würde.
    Ich wünsche dir aber die Kraft das Ganze zu meistern

  2. Sancho Panda sagt:

    Starker Text. Wünsch dir und deinem Vater alles Gute!

  3. Deine kleine Schwester sagt:

    Liebes Bruderherz,

    immerwieder mal, wenn ich die Zeit und auch den Mut dazu finde, klicke ich auf Deine Seite, schaue, was es Neues gibt. Dein Text zu Papa ist grausam ehrlich. Ich weiß wie Du Dich fühlst, schließlich habe ich Mama langsam sterben sehen. Wir verlieren unsere Eltern Stück für Stück auf eine wirklich besch.. Weise. Aber wir haben uns! Weit von einander entfernt und im Herzen doch so nah. Ich liebe Dich – DU fehlst mir.

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