Mein Vater

Mein Vater wurde zu Kriegsende 1941 in Magdeburg geboren. Seine Mutter schob Ihn zu entfernten Verwandten nach Bayern ab und überlies Ihn dort seinem Schicksal. Tägliche Prügel; Saupreussen waren damals noch weniger angesehn als heute; mangelhafte Ernährung und ständige Schwierigkeiten in der Volksschule brachten Ihn recht bald ins Heim. Von dort flüchtete Er dann als Schiffsjunge in die Binnenschifffahrt, wo Er bis zu seinem Matrosenbrief auch blieb. Auch diese Zeit war nicht die Einfachste für Ihn, Er musste 18 Stunden täglich schwerste körperliche Arbeiten ausführen und bekam wenig und unregelmäßig Geld für diese Schufterei. Nach der Binnenschifffahrt heuerte Er auf einem Kümo an der die Touren Schweden – Deutschland fuhr; dort brachte Er es bis zum Bootsmann und es war für Ihn die erste Zeit in seinem Leben die Ihm gefiehl. Als Er meine spätere Mutter kennenlernte suchte Er sich bei der Schlichtingwerft in Lübeck eine Anstellung als Schweisser. Danach zog meine Familie nach Berlin. Dort bekam mein Vater eine Anstellung bei der amerikanischen Besatzungsmacht und wurde als Wachsoldat eingesetzt. ( So die offizielle Bezeichnung, Er bekam das 4fache Salär als ein Wachsoldat )In Wirklichkeit spionierte Er im Auftrag der Amerikaner im Ostsektor die russischen Truppen aus und arbeitete zum Schluss als Agent einer Unterabteilung des MI5 ohne Wissen der damaligen Bundesregierung. Sein Auftrag lautete ehemalige Nazi-Größen im Ostsektor ausfindig zu machen und zu melden. Er erzählte mir später oft Geschichten, wo Er wie durch die Mauer gelangte und welche Tricks man Anwenden musste um unerkannt die Sektoren zu wechseln. Dies habe ich selbst einmal nachgeprüft und seine Geschichten stimmten.

Irgendwann konnte meine Mutter nicht mehr damit Leben, das Er Ihr nichts über seine wirkliche Arbeit erzählte und Sie bekam es mit der Angst zu tun. Sie zeigte Ihn bei der deutschen Polizei an, weil Sie vermutete das Ihr Mann für die DDR spioniere. Prompt standen einige Männer in schwarzen Mänteln in Ihrer Wohnung und verhafteten meinen Vater (Beschlagnahmten die Waffen die sie gefunden hatten.) 6 Monate saß Er dann in Einzelhaft im Trakt für „besondere“ Gefangene, Mohabit. Ihm wurde von seinen Vorgesetzten, so erzählte Er mir später, immer eingebleut das Er falls es irgendwo zu einer Verhaftung kommen sollte, 6 Monate lang keinerlei Aussagen machen soll…. daran hatte Er sich gehalten und erst nach 6 Monaten dem Staatsanwalt folgendes gesagt: “ Rufen Sie im Zimmer soundso in der Klayallee an.“…… 4 Stunden später wurde Er entlassen und hatte ein rehabilitations Urteil in Händen. ( Dies habe ich auch einmal sehen dürfen )

Auf dem Weg nach Hause wurde Er von seinen Vorgesetzten eingesammelt, die nur eines interessierte: „Wo ist das Schwarzbuch?“ Aber mein Vater hatte es ausserhalb versteckt und so entliessen Sie Ihn, damit Er es holen könnte.

Das Schwarzbuch, war das kleine Buch welches mein Vater angelegt hatte, in dem alle Nazis die Er im Ostsektor gefunden hatte vermerkt waren aber eben auch mögliche Kontakte und sichere Wohnungen im Ostteil Berlins.

Mein Vater reagierte schnell, packte seine Familie und sorgte für eine sichere Überfahrt nach Schweden. Dort angekommen stellte Er sofort politisches Asyl und bekam es nach kurzen Erklärungen auch. ( Hierüber berichtete sogar das Hamburger Abendblatt mit der Überschrift „Nazijäger nach Schweden geflüchtet“. Diesen Artikel habe ich mir vor einigen Jahren mal im Staatsarchiv HH. angesehn)

Etwas 1 Jahr lebte meine Familie in Schweden, bis sich in Deutschland alles soweit beruhigte. Zwischenzeitlich bekam mein Vater Besuch und wie Er mir später berichtete händigte Er bei einem dieser Besuche das ominöse Schwarzbuch seinen ehemligen Vorgesetzten der Spionageabteilung aus. Hierfür bekam Er wohl so viel Geld, das Er beschloss wieder nach Deutschland zu ziehen.

Wieder in Lübeck trennten sich meine Eltern und wurden geschieden. Von nun an zog mein Vater uns alleine groß, schulte zum Bürokaufmann um und studierte später BWL welches Er mit einem Diplom abschloss. Er arbeitete sehr lange für die Rundfunkgebührenabteilung eines öffentlich rechtlichen Rundfunks, zuletzt als Inkassobeauftragter eines erfolgreichen Inkassodienstes.

So „Roman“haft sich sein Leben auch lesen mag, so wahr ist es aber auch. Und bis auf Details habe ich es im Nachhinein nachvollzogen und weiss das es stimmt. Mein Verhältnis zu Ihm war immer sehr schlecht und wir haben uns einige Male für Jahre nicht gesprochen oder gesehn aber Er ist mein Vater und ich liebe Ihn. Er hat sein Leben als Summe seiner Erfahrungen gelebt und versucht mir der beste Vater zu sein, der Er sein konnte. Um das so schreiben zu können habe ich lange gebraucht aber schlussendlich ist es so, ich bin sein Sohn und Vieles in meinem Leben (EloKA, Legion, Ausbildungen, Studium) zeigt dies mehr als deutlich auf. Wenn Er stirbt werde ich einen sehr wichtigen Teil meines Lebens verlieren.

Mein Vater ist bereits an den Folgen Chorea Huntingtons erkrankt; Er ist Träger dieser Mutation mit einem Wert von 41 + – 1

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